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EIN COMIC ENTSTEHT - Dialoge

geschrieben von comiczeichner | 8 Sep, 2008

Dialoge sind neben der Idee und des Handlungsstrang einer Geschichte eins der wichtigsten Elemente des Storytellings. Sind die Dialoge naiv, unglaubwürdig und überzogen, können sie leicht den Lesefluß und das ganze Comic zerstören. Die meisten Comics haben unglaublich schlechte Dialoge, da es sehr schwer ist gute Dialoge zu schreiben. Doch wie schreibt man gute Dialoge?

 

Gute Dialoge dürfen nicht künstlich wirken. Jede Figur in einer Geschichte hat einen bestimmten Charakter und jeder Charakter hat eine eigene Art zu reden. Doch woher soll man wissen, wie bestimmte Charaktere reden? Hier schlägt wieder die Lebenserfahrung und die gute Recherche zu. Als Autor muss man die Welt beobachten, besonders Menschen. Wie sie sind, wie sie reden, wie sie handeln, wie sie denken und wie sie fühlen. Wie sie in bestimmten Situationen reagieren und leben.  Man muss also eine sehr gute Beobachtungsfähigkeit ausbilden, man muss Gespräche im Geiste aufsammeln und man muss viel lesen und Filme sehen. Man muss eigene und fremde Gefühle verstehen können, sie nachvollziehen können und sie manipulieren können. Man muss sich in andere Menschen, Glaubensrichtungen, Weltbilder, Träume, Ängste, Geschlechter etc. hineinversetzen können. Aber sich so in diese hineinversetzen können, das man fast selbst zu dieser anderen Person wird. Das ist auch was Schauspieler leisten müssen, und was Autoren viel besser leisten müssen, den die Autoren sind die, die alle Figuren, die Welten und Konflikte in den Geschichten erfinden.

Wenn man ein Feingefühl für Charaktere und dessen Reaktionen und Aktionen entwickelt hat, kann man sich der Recherche widmen. Wenn man über einen bestimmten Charakter schreiben will, dann muss man alles über diese Figur in Erfahrung bringen und ihr Leben schenken. Über die richtige Charakterentwicklung werde ich demnächst ausführlicher schreiben, denn das ist ein Thema für sich.

Dialoge werden in einem Rollenspiel entwickelt. Als Autor stellt man sich eine Szene vor, wo man alle Charaktere spielt. Man schaupielert richtig. Und aus diesem Schauspiel entstehen oft automatisch Dialoge, gute Dialoge, denn das Hirn scant den Erfahrungsschatz automatisch und lässt ohne zu zögern die besten und glaubwürdigsten Sätze aus einem herraus. Die besten Dialoge entstehen spontan und aus Intuition. Aus dem Gefühl. Wenn man diese Schauspiel hinter sich hat, mehrmals wiederholt hat, in die Welt der Geschichte mit Leib und Seele eingetaucht ist, dann muss man schnell sein. Denn man kann sich nicht alle tollen Sätze merken. Man sollte immer Papier und Stift zur Hand haben, oder ein Aufnahmegerät. Habt ihr eine Szene im Kasten und die tollen Dialoge schwirren noch frisch in euren Kopf, dann aufschreiben, so schnell wie ihr könnt. Ohne nachzudenken. Oder direkt beim Schauspielern die Dialoge aufnehmen.

Wenn ihr diese Dialoge aufgeschrieben habt, dann könnt ihr sie euch in aller Ruhe ansehen und analysieren. Dann beginnt das Nachdenken  und ihr verbessert die Dialoge und passt sie der Geschichte an.

Ein kleines Beispiel aus meinen kommenden Onlinecomic KONNA.

Die Szene: Wüste, Nacht. Frank ist ein rechtsradikaler und gewalttätiger Jugendlicher, der den kleinen Nono (farbiger Junge) ärgert. Die beiden sitzen mit 10 weiteren Jugendlichen zusammen und essen. Sinan, ein türkischer Junge, hat die Nase voll von Franks Sticheleien und meldet sich verärgert zu Wort und Frank reagiert genauso gereizt.

SINAN: Das reicht! Lass ihn in Ruhe, Frank!

FRANK: Halts Maul, scheiß Türk´. Misch dich da nich´ ein...

SINAN steht auf und wird aggressiver: Was hast du gesagt? WAS HAST DU GESAGT?

FRANK: Hast schon richtig gehört, Assi.

JENNY meldet sich vorsichtig, aber verärgert zu Wort: Boah, wer ist denn hier der Assi? DU solltest lieber dein Maul halten.

FRANK: Niemand verbietet mir zu reden.

MARU steht auf, daraufhin alle anderen und schauen wütend auf Frank: Ach ja? Wir sind hier 11 gegen 1. Glaubst du wirklich, du hast eine Chance gegen uns alle?

FRANK noch gereizter: Wenn meine Kameraden hier wären, dann würdest du nich´ so reden, Maru, Schatz.

SINAN: Deine scheiß Kameraden haben dich im Stich gelassen und deswegen bist du bei uns. Du hast verdammt viel Glück, dass dich Herr Zahm aufgenohmen hat. Ich hätte dich wie deine Kameraden im Stich gelassen, so einen Loser wie dich lässt doch jeder im Stich. Wahrscheinlich haben dich sogar deine eigenen Eltern im Stich gelassen...!

FRANK von diesen letzten Satz verletzt wird wütender und will sich auf Sinan stürzen, er ist so wütend und verletzt, dass er mit Tränen kreischt: HALTS MAUL, oder ich schwöre... ich schwöre, ich bring dich um!

SINAN bereit zu kämpfen und stolz und glücklich, dass er Frank so tief verletzt hat: Versuchs doch. Komm her!

KONNA erscheint wie aus dem Nichts, schreitet ein und hält SINAN ein Schwert an die Kehle und FRANK einen Revolver an die Stirn, mit leiser Stimme, die man kaum versteht: Ruhig, oder wollt ihr so sterben? Da draussen sind überall Bestien, die auf jeden Laut und jeden Schweißtropfen reagieren. Also, seid ruhig, oder ich sorge dafür das ihr ruhig bleibt.

JENNY: Tut mir leid...

Ein kurzer dramatischer Dialog zwischen verschiedenen Figuren. Das ist noch die Rohfassung, aber man erkennt die Dramaturgie des Dialogs. Später werden Dialekte und bestimmte Sprachfehler noch eingebaut, denn jeder Mensch und jede Figur hat seine eigene Art zu reden. Das schwierige bei Dialogen in Comics: man hat wenig Platz in den Sprechblasen und man muss sich auf das Westenliche reduzieren, sonst verliert man den roten Faden, hat Layoutprobleme und der Lesefluß wird stockend und langweilig. Ergebnis, der Leser springt ab.

Ein wunderbares Beispiel für geniale Dialoge ist das Comic BONE von Jeff Smith. BONE ist nicht durch den tollen Zeichenstil weltberühmt geworden, sondern durch das storytelling und die wunderbaren Dialoge. Jeff Smith bringt es genau auf den Punkt, die Dialoge sind immer ein dramaturgisches Spiel mit einer Pointe, kein Dialog ist überflüssig, alle Dialoge dienen, um die Geschichte gezielt ans Happy End zu bringen. Die Dialoge haben immer eine Information, die die Geschichte weiterbringt, deswegen ist der Lesefluß in BONE so herrlich einfach geniessbar und Nichtcomicleser haben kaum eine Schwierigkeit in die Comicwelt von BONE einzutauchen. Dialoge sind immer wie ein Ping Pong Spiel, die zu einem Höhepunkt führen. 

Ein weiterer guter Autor von gezielten und leichten Dialogen, die auf Alltagswissen und Alltagssituationen basieren, ist Stephen King, deswegen sind auch seine Romane so leicht genießbar. Autor DAN BROWN ist z.B. ein schlechter Dialog Schreiber, aber er rettet sich durch seine Beschreibungen, Actionszenen und Handlungsstränge.

Mit den richtigen Dialogen und der richtigen Dialogdramaturgie kann man die Leser schnell in die Geschichte hineinziehen. Also, Dialoge glaubwürdig halten und passend zu den Charakter der bestimmten Figuren gestalten. Weniger ist mehr. Und als Test könnt ihr dann die Dialoge mal schauspielern. Ihr werdet dann so merken, ob etwas nicht richtg passt, oder unglaubwürdig wirkt oder unlogisch klingt. Und immer mit Gefühl schreiben. Ist wie in der Liebe, ohne Gefühl geht nichts...

Beobachtet eure Mitmenschen, eure Freunde, eure Familie, eure Schulfreunde oder Arbeitskollegen. Geht raus und beobachtet die Menschen auf der Straße, hört bei Gesprächen heimlich mit. Macht euch Notizen. Wenn ihr ein schönes Gespräch, oder einen guten Satz etc. findet, aufschreiben. Lest viele Bücher, lernt wie andere schreiben und Dialoge schreiben. Macht es besser. Zieht euch Filme und TV Serien rein. Hörbücher und Hörspiele, konsumiert Kunst und Geschichten, wie verrückt...

Dialoge schreiben ist eine der schwierigsten Aufgaben beim Storytelling, deswegen viel üben und Geduld haben. Kein Meister oder guter Autor ist vom Himmel gefallen.  


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